Mit Wolle zu mehr Wohlbefinden?

Häkeln und Stricken erleben seit Jahren ein Comeback, doch nicht nur wegen schöner Schals oder Mützen. Forschungsergebnisse zeigen, dass kreative Handarbeit Stress reduzieren, das Wohlbefinden fördern und sogar die psychische Gesundheit positiv beeinflussen kann. Was dahinter steckt, erfährst Du in diesem Artikel.

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Wann hast Du das letzte Mal wirklich nur eine Sache gemacht?

Vielleicht liest Du diesen Artikel gerade, während nebenbei Musik läuft, Nachrichten auf Deinem Handy auf ploppen oder Du gedanklich schon bei Deinem nächsten Termin bist. Viele von uns verbringen einen großen Teil ihres Tages damit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wir beantworten Nachrichten während des Fernsehens, hören Podcasts beim Kochen oder denken beim Spaziergang bereits an die Aufgaben von morgen. Dabei geht oft der gegenwärtige Moment verloren.

Genau deshalb entdecken immer mehr Menschen Tätigkeiten wieder, die auf den ersten Blick fast altmodisch wirken. Häkeln, Stricken oder andere Formen kreativer Handarbeit erleben seiteinigen Jahren ein Comeback. Doch dabei geht es längst nicht nur um Schals, Mützen oder Dekoration. Viele Menschen berichten, dass sie beim Häkeln oder Stricken zur Ruhe kommen, abschalten können und sich danach ausgeglichener fühlen.

Die spannende Frage lautet: Warum eigentlich?

Wenn die Gedanken langsamer werden

Psycholog*innen sprechen häufig von Achtsamkeit. Gemeint ist damit die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Moment zu richten, ohne ständig in Gedanken beider Vergangenheit oder Zukunft zu sein.

Genau das fällt vielen Menschen heute schwer. Unser Alltag ist geprägt von Benachrichtigungen, Terminen und einer nahezu ununterbrochenen Informationsflut. Das Gehirn springt von einer Aufgabe zur nächsten, oft ohne wirkliche Pausen.

Bei kreativer Handarbeit passiert etwas anderes. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Bewegungen der Hände, auf die Wolle, auf die nächste Masche. Es entsteht ein Rhythmus. Gedanken verschwinden nicht vollständig, treten aber häufig in den Hintergrund.

Viele Menschen beschreiben dieses Gefühl als eine Art mentale Pause. Nicht, weil sie aktiv versuchen, an nichts zu denken, sondern weil ihre Aufmerksamkeit für einen Moment woanders gebraucht wird.

Warum uns Häkeln glücklich machen kann

Vielleicht kennst Du das Gefühl, wenn Du etwas mit Deinen eigenen Händen erschaffen hast. Aus einemeinfachen Wollknäuel entsteht Schritt für Schritt etwas Neues. Was zunächst unscheinbar wirkt, kann überraschend befriedigend sein.

Im Alltag bleiben viele Erfolge oft unsichtbar. Wir beantworten E-Mails, arbeiten Aufgaben ab odererledigen Verpflichtungen, ohne am Ende des Tages ein greifbares Ergebnis in den Händen zu halten. Beim Häkeln ist das anders: Mit jeder Masche und jeder Reihe wird sichtbar, dass etwas wächst. Jeder Fortschritt ist unmittelbar erkennbar und jedes fertige Projekt vermittelt ein konkretes Erfolgserlebnis.

Genau dieses sichtbare Vorankommen kann dazu beitragen, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken. Untersuchungen zeigen, dass kreative Handarbeit positive Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl haben kann, insbesondere auf das Gefühl, etwas leisten und bewirken zu können (Yao, 2017). Solche Erfolgserlebnisse wirken sich häufig nicht nur auf das Gefühl von Kompetenz aus, sondern auch auf das allgemeine Wohlbefinden. So berichten Menschen, die regelmäßig stricken, häufiger von Ruhe, Zufriedenheit und Glück. Besonders bemerkenswert ist, dass diese positiven Effekte mit der Häufigkeit der Tätigkeit zunahmen (Corkhill et al.,2014).

Die Positive Psychologiebietet eine mögliche Erklärung für diesen Zusammenhang: Menschenerleben Wohlbefinden besonders dann, wenn sie sich als kompetent erleben, Fortschritte wahrnehmen und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Genau diese Elemente vereint das Häkeln. Aus vielen kleinen Schritten entsteht nach und nach etwas Eigenes und mit jeder Masche wächst oft nicht nur das Werkstück, sondern auch das Gefühl, etwas geschafft zu haben.

 

Gemeinsam statt einsam

Obwohl Häkeln oft als ruhige Einzelbeschäftigung wahrgenommen wird, steckt darin auch eine soziale Komponente. Strick- und Häkelgruppen erleben seit einigen Jahren einen Aufschwung. Menschen treffen sich, tauschen Ideen aus oder arbeiten gemeinsam an Projekten.

Gerade soziale Beziehungen zählen zu den wichtigsten Faktoren für psychisches Wohlbefinden. Wer sich verbunden fühlt, erlebt häufig mehr Lebenszufriedenheit und kann Belastungen besser bewältigen.

Passend dazu berichten Menschen, die gemeinsam stricken, häufiger von positiven Emotionen, sozialem Austausch und einem stärkeren Zugehörigkeitsgefühl (Riley et al., 2013).

 

Mehr als nur ein Hobby?

Besonders spannend wird es dort, wo kreative Handarbeit gezielt zur Förderung psychischer Gesundheit eingesetzt wird. Erste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Häkeln sogar depressive Symptome reduzieren kann (Alamri & Dabes, 2023).

Natürlich ersetzt eine Häkelnadel keine Psychotherapie. Dennoch zeigen solche Ergebnisse, dass psychische Gesundheit oft nicht nur durch große Veränderungen beeinflusst wird. Manchmal sind es kleine Rituale, die uns helfen, zur Ruhe zu kommen, Erfolgserlebnisse zu sammeln und wieder stärker im Hier und Jetzt anzukommen.

 

Fazit: Zurück in den Moment

Vielleicht liegt die besondere Stärke von Häkeln und Stricken gar nicht in den fertigen Produkten. Vielleichtliegt sie darin, dass diese Tätigkeiten etwas ermöglichen, das in unserem Alltag immer seltener wird: für einen Moment nur eine Sache zu tun.

Während unsere Aufmerksamkeit oft zwischen Bildschirmen, Aufgaben und Gedanken hin- und herspringt, ladenkreative Handarbeiten dazu ein, langsamer zu werden. Masche für Masche. Reihe für Reihe.

Und manchmal ist genau das der Moment, in dem wir uns selbst wieder ein Stück näherkommen.

Quellen:

Alamri, E. K. R.A. M., & Dabes, R. (2023). The effectiveness of a training program for providingthe art of crochet skills as an adjunct for depression patients’ therapy. Majallatal-ʿImarah wa al-Funūn wa al-ʿUlūm, 41(8), 705-720.

Corkhill, B., Hemmings, J., Maddock,A., & Riley, J. (2014). Knitting and well-being. Textile, 12(1),34-57. https://doi.org/10.2752/175183514x13916051793433

Riley, J., Corkhill, B., &Morris, C. (2013). The benefits of knitting for personal and social wellbeingin adulthood: Findings from an international survey. British Journal ofOccupational Therapy, 76(2), 50-57. https://doi.org/10.4276/030802213x13603244419077

Yao, M. Y. (2017). An exploratorystudy on finger knitting-facilitated therapy.

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